Greta Silver über das Ehrenamt
4. September 2026
Die wunderbare Greta Silver, Autorin, Keynote-Speakerin, Markenbotschafterin, Dozentin, Influencerin und Sprecherin der Generation 60+ empfindet das Ehrenamt als Haltung und als direktem Weg zu einem sinnvollen Leben. Wir haben sie für unseren Geschäftsbericht 2025 zum Thema Ehrenamt in unserer Gesellschaft befragt und wollten wissen, wo sie die Vorteile von brotZeit sieht.
Der kürzeste Weg zu einem sinnvollen Leben – das Ehrenamt
Man muss es erlebt haben. Am Anfang glauben wir wohl alle, wir tun etwas für andere. Wir helfen. Wir geben. Doch nach kurzer Zeit merken wir: Es ist keine Einbahnstraße. Es ist eine Bewegung in beide Richtungen – eine Win-Win-Situation – aber vielleicht ist es sogar noch mehr – eine leise innere Revolution. Ehrenamt ist kein nettes Add-on für Menschen mit zu viel Zeit. Es ist eine Haltung. Eine Entscheidung für Verantwortung. Und oft der direkteste Weg zu einem sinnvollen Leben. Nicht theoretisch. Ganz praktisch. Am frühen Morgen.
Kinder sind unsere Bodenschätze
Deutschland hat kaum natürliche Rohstoffe. Unsere Zukunft sind die Kinder. Nicht irgendwann – jetzt. Ein Kind, das hungrig in die Schule kommt, kann nicht lernen. Hunger macht klein. Müde. Still. Ein leerer Magen lässt keinen Raum für Konzentration, Neugier oder Selbstvertrauen. Ein einfaches Frühstück dagegen ist mehr als Nahrung. Es ist Würde. Es ist Verlässlichkeit. Es ist der unausgesprochene Satz: Du bist uns wichtig. Du gehörst dazu. Organisationen wie brotZeit e.V. zeigen seit Jahren, wie viel Wirkung in etwas scheinbar Einfachem liegt. Ehrenamtliche kommen früh in Schulen, bereiten Frühstück vor, schenken Zeit, hören zu. Und schaffen damit ein Fundament für Bildung. Nicht spektakulär. Aber elementar. Und zutiefst menschlich. Es ist nicht nur das Brot, das wirkt. Es ist das regelmäßige Wiederkommen. Die gleiche Zeit. Die gleichen Gesichter. Kinder, die vielleicht Unsicherheit oder Chaos erleben, erfahren Stabilität. Und Stabilität ist ein Schatz. Verlässlichkeit schafft Vertrauen. Vertrauen schafft innere Sicherheit. Und innere Sicherheit ist die Voraussetzung für Entwicklung. Wer sich sicher fühlt, kann lernen. Wer sich gesehen fühlt, kann wachsen.
Demokratie beginnt im Kleinen und Gesundheit macht Sinn
Ehrenamt ist Demokratieschutz. Wer sich engagiert, übernimmt Verantwortung. Wer Verantwortung übernimmt, schaut nicht weg. In Schulen, Vereinen, Initiativen begegnen sich Menschen unterschiedlicher Hintergründe. Dort entsteht Gespräch statt Vorurteil, Begegnung statt Spaltung. Unsere Gesellschaft steht nicht nur auf Gesetzen und Institutionen. Sie steht auf Menschen, die freiwillig beitragen. Zivilgesellschaft ist kein abstrakter Begriff – sie ist gelebter Alltag. Ohne sie -würde vieles ins Wanken geraten. Ehrenamt ist der soziale Kitt, der unser Zusammenleben zusammenhält. Engagement wirkt nach innen. Struktur, soziale Kontakte, Sinn – all das sta-bilisiert. Studien zeigen, dass Menschen mit einer Aufgabe im Alter psychisch widerstandsfähiger sind, seltener vereinsamen und geistig beweglicher bleiben. Sinn ist kein Luxus. Er ist ein Gesundheitsfaktor. Wer morgens gebraucht wird, steht anders auf. Wer Verantwortung trägt, fühlt sich wirksam. Und Wirksamkeit ist ein Gegengift gegen Ohnmacht.
Neue Identität nach dem Berufsleben
Gerade Menschen über 55 erleben oft einen Umbruch. Der Beruf endet. Die Kinder sind aus dem Haus. Rollen verändern sich. Plötzlich stellt sich die Frage: Wer bin ich jetzt – ohne Titel, ohne Funktion? Ehrenamt schenkt eine neue Antwort. Ich bin jemand, der gebraucht wird. Ich bin Teil von etwas Sinnvollem. Ich trage bei. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist existenziell. Es gibt Halt in einer Phase, in der vieles ins Fließen gerät. Diese Generation bringt Erfahrung mit. Geduld. Gelassenheit. Den langen Atem. Wir haben Wandel erlebt, Krisen überstanden, uns neu erfunden. Wir wissen: Nicht jeder Sturm bleibt. Diese innere Stabilität ist für Kinder ein Geschenk. Kinder brauchen keine perfekten Erwachsenen. Sie brauchen verlässliche. Sie brauchen ruhige Präsenz. Sie brauchen Menschen, die bleiben.
Intergenerationeller Brückenbau
Wenn ältere Menschen in Schulen helfen, entsteht mehr als praktische Unterstützung. Es entsteht Begegnung zwischen Generationen. Kinder erleben wohlwollende Erwachsene außerhalb der Familie. Ältere erleben Zukunft, Lebendigkeit, Neugier. Solche Begegnungen bauen Vorurteile ab – auf beiden Seiten. Sie schaffen Respekt. Und Respekt ist die Grundlage jeder funktionierenden Gesellschaft.
Volkswirtschaftlich unbezahlbar
Würde man ehrenamtliche Arbeit in Geld berechnen, kämen Milliardenbeträge zusammen. Milliarden, die im Bruttoinlandsprodukt nicht sichtbar sind, aber unser Land tragen. Ehrenamt ist das unsichtbare Fundament unseres Wohlstands. Doch noch wichtiger als die Zahl ist die Wirkung: Es schafft soziale Stabilität. Und soziale Stabilität ist der Nährboden für wirtschaftliche Stärke.
Die kleine Tat mit großer Wirkung
Niemand muss die Welt retten. Ehrenamt entlastet vom Druck des Großen. Es geht um den konkreten Morgen. Um ein Brot. Um ein Gespräch. Um einen Blickkontakt. Doch genau darin liegt die Kraft. Große Entwicklungen beginnen oft unscheinbar. Ein sattes Kind lernt besser. Ein gestärktes Kind entwickelt Selbstvertrauen. Und Selbstvertrauen verändert Lebenswege.
Vorbild statt Moralpredigt
Kinder sehen Erwachsene, die freiwillig helfen. Nicht, weil sie müssen. Sondern weil sie wollen. Das prägt. Werte werden nicht gepredigt, sie werden vorgelebt. Ehrenamt ist gelebte Ethik. Es ist die stille Botschaft: Verantwortung gehört zum Menschsein dazu.
Ich kenne dieses Gefühl. Früh in meinem Leben habe ich alte Menschen in Altersheimen besucht, organisiert über die Caritas. Ich hörte Geschichten vom Krieg, von Verlust, von Hunger, von Angst. Und danach war etwas anders. Meine Probleme waren noch da – aber sie hatten ihre Schwere verloren. Über Jahre war ich ein Mal in der Woche Kantinenmutter. Später engagierte ich mich 16 Jahre lang ehrenamtlich in einer Musikorganisation. Musikstudierende brachten Musik in Kinderheime, Hospize, Gefängnisse, Altenheime. Musik als Brücke. Als Trost. Als Würde. Und wieder geschah dasselbe: Wir gingen beschenkt nach Hause. Ehrenamt ist kein Opfer. Es ist ein Geschenk.
Antwort auf Einsamkeit
Einsamkeit ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Sie kommt leise. Und sie trifft viele. Wenn Karriereziele leiser werden. Wenn Statussymbole nicht mehr tragen. Wenn plötzlich Raum entsteht – manchmal gewollt, manchmal schmerzhaft. Die Kinder sind aus dem Haus. Die Ehe verändert sich. Der Job endet. Ein Verlust kommt. Einsamkeit klopft an. Engagement ist eine kraftvolle Antwort. Es bringt uns aus der Passivität in die Wirksamkeit. Aus dem Grübeln ins Handeln.
Menschen, die sich engagieren, berichten:
Ich fühle mich gebraucht.
Ich gehöre dazu.
Ich habe wieder Struktur.
Ich bin lebendiger geworden.
Das ist kein Zufall. Der Mensch ist nicht dafür gemacht, nur um sich selbst zu kreisen. Sinn entsteht dort, wo wir beitragen. Denn wenn Ehrenamt von heute auf morgen verschwände, würde unsere Gesellschaft kippen. Vieles funktioniert nur, weil Menschen freiwillig Verantwortung übernehmen. Albert Einstein wird der Satz zugeschrieben: „Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und zu hoffen, dass sich etwas ändert.“ Vielleicht gilt das auch hier. Wenn wir eine wärmere, stabilere Gesellschaft wollen, müssen wir selbst Teil davon sein. Vielleicht beginnt Veränderung mit einem Brot am Morgen. Und vielleicht beginnt genau dort auch ein neues Kapitel im eigenen Leben. Vielleicht mit „brotZeit“ in deiner Stadt.